Johannes
Jesus ist der Sohn Gottes.
- Verfasser
- Johannes, der Apostel — im Buch nennt er seinen Namen nie und spricht nur von dem Jünger, den Jesus lieb hatte (21,20.24).
- Entstehung
- Aus der Spätzeit des Apostels, geschrieben für Leser, denen jüdische Bräuche und hebräische Ausdrücke eigens erklärt werden müssen (4,9; 19,13.17).
- Gattung
- Evangelium — ein Zeugenbericht aus ausgewählten Zeichen, langen Gesprächen und einem ausführlich erzählten Prozess. Johannes zählt nur den Anfang der Zeichen und das zweite (2,11; 4,54) und sagt, es habe viele weitere gegeben (20,30); die geläufige Zahl sieben stammt aus der Auslegung, nicht aus dem Buch.
- Kernaussage
- Wer Jesus ansieht, sieht den Vater: Der Sohn, der von Anfang an bei Gott war, wurde Mensch, und wer ihm glaubt, hat Leben.
Johannes erzählt dasselbe Leben wie Matthäus, Markus und Lukas — und fast alles klingt anders. Kein Stall, kein Stammbaum, keine Gleichniserzählungen; wo das Wort Gleichnis fällt (10,6; 16,25), ist die Bildrede vom Hirten gemeint. Stattdessen ausgewählte Zeichen, lange Gespräche und ein Prozess, der sich über Kapitel zieht. Vieles steht nur hier: die Hochzeit in Kana, Nikodemus bei Nacht, die Frau am Brunnen, der Blindgeborene, Lazarus, die Fußwaschung. Das Buch hat einundzwanzig Kapitel und lässt sich Zeit. Ein einziger Abend füllt fünf davon (Kapitel 13–17). Johannes sammelt nicht, er wählt aus, und er sagt selbst, wozu (20,30–31). Dass hier ein Augenzeuge schreibt, merkt der Leser an Kleinigkeiten: Er kennt die Uhrzeiten, die Entfernungen und die Gesichter. Am Schluss steht kein Lehrsatz, sondern ein Frühstück am See und ein Gespräch mit einem Mann, der versagt hatte (Kapitel 21).
Schlüsselstellen
7 von 7 sichtbarJohannes 1,1–18Wer ist das Wort am Anfang?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Johannes fängt nicht bei der Geburt an, sondern davor. Er benutzt einen Ausdruck, den seine Leser kennen: das Wort. Bei den Griechen war es die Weltvernunft; im Alten Testament schafft Gottes Wort, was es sagt (Psalm 33,6). Drei Aussagen stehen nebeneinander: Am Anfang ist dieses Wort schon da, es ist Gott zugewandt, und es ist selbst Gott (1,1). Dann folgt der Satz, den keine Philosophie hatte: Dieses Wort wird ein Mensch und zieht bei uns ein (1,14). Vers 18 zieht die Summe. Gesehen hat Gott niemand. Der Einzige, dem Vater ganz nah, hat Aufschluss gegeben. Schon hier teilt sich die Welt: Die einen lassen ihn nicht herein, die anderen werden Kinder Gottes (1,11–12).
Der Christus-Bezug
Der Titel steht schon im Vorwort. Das Wort Sohn fällt darin allerdings nur einmal, ganz zum Schluss (1,18); Vers 14 sagt der Eingeborene vom Vater. Damit ist gesagt, was Sohn in diesem Buch heißt: kein später verliehener Ehrentitel, sondern Herkunft. Wer wissen will, wie Gott ist, muss nicht raten. Er soll Jesus ansehen. Kolosser 1,15 und Hebräer 1,1–3 sagen es mit anderen Worten.
Johannes 3,14–18Was gibt der Vater her?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Nikodemus ist Lehrer und kommt bei Nacht (3,1–2). Jesus redet von einer Geburt von oben. Dann greift er ein Bild aus der Wüste auf: Mose hängte eine Schlange aus Bronze an eine Stange; wer sie ansah, blieb am Leben (4. Mose 21,4–9). Genauso, sagt Jesus, wird der Menschensohn hoch gehoben (3,14). Die Auslegung hört in diesem Wort gern beides: hinauf ans Kreuz und hinauf zum Vater. Johannes selbst deutet es nur einmal, und zwar auf die Todesart (12,33); für den Weg zum Vater hat er ein anderes Wort (6,62; 20,17). Dann kommt Vers 16. Gottes Liebe ist hier kein Gefühl, sondern eine Übergabe: Er gibt seinen Sohn her. Vers 17 hält die Richtung fest: gesandt zur Rettung, nicht zum Urteil. Vers 18 sagt, wo das Gericht geschieht: dort, wo einer diesen Namen abweist.
Der Christus-Bezug
Kein Buch der Bibel sagt so knapp, was der Vater hergibt: den einzigen Sohn. Paulus zieht dieselbe Linie, wenn er vom Vater redet, der den eigenen Sohn dahingab (Römer 8,32), und der erste Johannesbrief wiederholt sie fast wörtlich (1. Johannes 4,9–10). Der Titel sagt hier nicht nur, wer Jesus ist, sondern auch, was er den Vater gekostet hat.
Johannes 5,17–27Was tut der Sohn von sich aus?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Jesus macht am Teich Bethesda einen Kranken gesund, und es ist Sabbat (5,1–9). Daran entzündet sich der Streit. Jesus antwortet: Sein Vater wirke bis jetzt, und er wirke auch (5,17). Seine Zuhörer verstehen ihn genau. Sie wollen ihn töten, weil er Gott seinen eigenen Vater nennt und sich damit auf eine Stufe mit Gott stellt (5,18). Hier fällt zum ersten Mal die Anklage, die am Ende vor Gericht stehen wird. Jesus nimmt nichts zurück. Er erklärt: Der Sohn kann nichts aus sich selbst tun, er tut, was er den Vater tun sieht (5,19). Das klingt nach weniger und ist mehr. Denn er tut die zwei Dinge, die sonst nur Gott tut: Tote lebendig machen und Gericht halten (5,21–22).
Der Christus-Bezug
Kein anderes Buch beschreibt das Sohnsein so ausführlich: als gemeinsame Arbeit. Der Sohn handelt nicht auf eigene Rechnung und ist doch nicht kleiner. Der Vater hat ihm verliehen, das Leben in sich selbst zu haben (5,26). Deshalb entscheidet sich an ihm, ob jemand den Vater ehrt (5,23). Denselben Blick von innen gibt es auch bei Matthäus 11,27 und Lukas 10,22 — dort in einem einzigen Satz, hier über ganze Kapitel.
Johannes 8,52–59Warum greifen sie zu Steinen?StarkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Im Tempel läuft ein Streit über Abraham. Der Anlass: Jesus hatte gesagt, wer sein Wort bewahre, werde den Tod in Ewigkeit nicht sehen (8,51). Die Gegner geben den Satz mit einem schärferen Wort zurück und fragen: Bist du größer als Abraham (8,52–53)? Jesus antwortet, Abraham habe seinen Tag gesehen und sich gefreut (8,56). Sie halten ihm sein Alter vor: noch nicht fünfzig (8,57). Dann folgt ein Satz mit merkwürdiger Grammatik: Von Abraham redet Jesus in der Vergangenheit, von sich in der Gegenwart (8,58). Dieses Ich bin steht in der griechischen Bibel dort, wo Gott dem Mose seinen Namen nennt (2. Mose 3,14) und wo er bei Jesaja von sich selbst redet (Jesaja 43,10). Die Zuhörer greifen zu Steinen — die Antwort auf Gotteslästerung, nicht auf Angeberei.
Der Christus-Bezug
Das Wort Sohn steht hier nicht. Der Titel bekommt trotzdem seinen Boden: Dieser Sohn hat nicht in Bethlehem angefangen. Er war vor Abraham. Johannes verbindet beides selbst: Am letzten Abend betet Jesus um die Herrlichkeit, die er vor der Welt beim Vater hatte (17,5). Weil das Titelwort fehlt, führen wir die Stelle eine Stufe unter den übrigen.
Johannes 19,4–12Worauf lautet das Todesurteil?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Pilatus findet keine Schuld, und er sagt es dreimal (18,38; 19,4.6). Der politische Vorwurf, hier wolle einer König sein, trägt für ihn nicht. Da nennen die Ankläger ihren eigentlichen Grund: Ihr Gesetz verlange den Tod, denn dieser Mann habe sich zu Gottes Sohn gemacht (19,7). Jetzt steht der Titel in der Gerichtsakte. Johannes nennt die Gegner meist die Juden und meint damit die Führung in Jerusalem; Jesus selbst, seine Mutter und alle Jünger waren Juden. Pilatus bekommt Angst und fragt, woher dieser Mann komme (19,8–9) — genau die Frage, die das Buch seit Kapitel 1 beantwortet. Jesus schweigt zuerst und sagt dann, jede Vollmacht über ihn sei von oben gegeben (19,11).
Der Christus-Bezug
Bei Matthäus, Markus und Lukas läuft die Anklage vor Pilatus über den Anspruch, König zu sein. Johannes hält den anderen Grund fest: Das Todesurteil ergeht über genau diesen Titel. In diesem Buch ist Sohn Gottes keine fromme Überschrift, sondern der Grund, aus dem ein Mensch stirbt. Den Ausdruck hatte Jesus vorher selbst in Anspruch genommen (10,36).
Johannes 19,23–37Warum zitiert Johannes am Kreuz die Schrift?Sehr starkErfüllungszitat
Was hier steht
Am Kreuz hört Johannes auf zu erzählen und fängt an zu belegen. Viermal steht hier die Formel, die Schrift solle erfüllt werden. Die Soldaten teilen die Kleider und losen um das nahtlose Untergewand; dazu zitiert Johannes Psalm 22,19 (19,23–24). Kurz vor dem letzten Wort sagt Jesus, ihn dürste, und die Formel steht wieder davor (19,28) — welche Stelle gemeint ist, sagt Johannes nicht, doch der Essig im nächsten Vers steht in Psalm 69,22. Den beiden anderen Gekreuzigten brechen die Soldaten die Beine, ihm nicht; Johannes hält die Passahregel dagegen, nach der dem Lamm kein Knochen gebrochen werden darf (2. Mose 12,46; 19,36). Der Speerstich holt eine zweite Schrift herbei: den Durchstochenen aus Sacharja 12,10 (19,37). Dazwischen sagt der Augenzeuge, wozu er das aufschreibt (19,35).
Der Christus-Bezug
Das ist die stärkste Art von Beleg, die es gibt: Der Schreiber ordnet die alttestamentlichen Sätze selbst dem Gekreuzigten zu. Johannes datiert den Tod auf den Rüsttag des Passah (19,14); Paulus nennt Christus geradeheraus unser Passahlamm (1. Korinther 5,7), Petrus das Lamm ohne Fehl (1. Petrus 1,18–19). Bei Sacharja redet Gott selbst vom Durchstochenen; Johannes liest den Satz auf den Gekreuzigten hin, die Offenbarung auf den Wiederkommenden (Offenbarung 1,7).
Johannes 20,24–31Warum ist dieses Buch geschrieben?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Thomas war nicht dabei, als die anderen den Auferstandenen sahen. Er will sehen und anfassen, sonst glaubt er nichts (20,25). Acht Tage später steht Jesus bei verschlossenen Türen mitten unter ihnen und bietet ihm genau das an (20,26–27). Ob Thomas zugegriffen hat, erzählt Johannes nicht. Er antwortet mit dem Höchsten, was in diesem Buch ein Mensch sagt: Er nennt Jesus seinen Herrn und seinen Gott (20,28). Danach nennt Jesus die glücklich, die nicht sehen und trotzdem glauben (20,29) — also die Leser. Und der Schreiber tritt hervor. Er hat ausgewählt; vieles steht nicht in diesem Buch (20,30). Warum das Übrige darin steht, sagt Vers 31: damit die Leser glauben und im Glauben Leben haben.
Der Christus-Bezug
Hier steht der Titel als Zweck des ganzen Buches. So sagt es kein anderes Evangelium von sich. Und der Bogen schließt sich: Am Anfang sagt der Schreiber vom Wort, es sei Gott (1,1); am Ende redet ein Jünger ihn als Gott an (20,28). Die beiden Titel aus Vers 31 hatte übrigens schon Marta ausgesprochen (11,27) — und zwar, bevor Jesus überhaupt ans Grab kam (11,30.38).
Merkvers
Johannes 20,31
Den Wortlaut findest du auf bibleserver.com (öffnet in neuem Tab); hier stehen bewusst nur die Stellenangaben.
Zum Weiterdenken
- Johannes schreibt, damit seine Leser glauben und Leben haben (20,31). Wenn du ehrlich bist: Suchst du beim Bibellesen eher Wissen oder Leben — und woran merkst du den Unterschied?
- Am Kreuz greift Johannes viermal zur Schrift (19,24.28.36.37). Was ändert es für dich, dass dieser Tod nicht als Unfall erzählt wird, sondern als etwas, das lange vorher aufgeschrieben war?
- Thomas wollte Beweise und wurde nicht abgewiesen (20,27). Welche Frage traust du dich in unserem Kreis nicht zu stellen — und was müsste sich ändern, damit du sie stellst?