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Weisheit & Poesie · AT · Kapitel 22 von 66

Hohelied

Jesus ist der Bräutigam.

Verfasser
Vers 1 nennt Salomo; sein Name steht siebenmal im Buch (1,1.5; 3,7.9.11; 8,11.12).
Entstehung
Die Zeit Salomos, um 950 v. Chr.; über Vers 1 hinaus nennt das Buch kein Datum.
Gattung
Liebeslyrik: eine Folge von Liedern und Szenen für zwei Stimmen, dazu ein Chor.
Kernaussage
Ein Mann und eine Frau gehören einander, und ihre Liebe hält allem stand, was sie bedroht.

Das Hohelied ist ein Buch der Liebeslieder. Acht Kapitel lang reden ein Mann und eine Frau: über Sehnsucht, Schönheit, Nähe und Verlust. Dazwischen antwortet ein Chor, die Töchter Jerusalems. Die Frau redet am meisten — keine andere Frau der Bibel so ausführlich. Der Name in Vers 1 heißt wörtlich Lied der Lieder — im Hebräischen ein Superlativ: das schönste aller Lieder. Was fehlt, fällt auf. Kein Gebet. Kein Gesetz. Kein Bund. Kein Messias. Gott wird nirgends angerufen; sein Name klingt nur einmal an (8,6). Auch eine Handlung fehlt: Szenen und Stimmen wechseln, dreimal kehrt derselbe Schwur wieder (2,7; 3,5; 8,4). Am Ende steht kein Ergebnis, sondern ein Ruf. Die Synagoge las es am Passafest; Rabbi Akiba nannte es das Heiligste aller Schriften.

Schlüsselstellen

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Hohelied 2,8–13Wer kommt da, und was ruft er?SchwachFromme Analogie

Was hier steht

Die Frau hört ihn, bevor sie ihn sieht. Sie erkennt seine Stimme und erzählt, wie er kommt: über die Berge, über die Hügel, schnell wie ein junger Hirsch (2,8–9). Dann steht er draußen an der Mauer und schaut durchs Gitter herein. Er redet, und sie gibt seine Worte weiter: Sie solle aufstehen und mitkommen (2,10.13). Als Grund nennt er das Wetter. Die Regenzeit ist zu Ende, auf dem Land blüht es, die Vögel sind zurück, an den Feigenbäumen färbt sich die erste Frucht (2,11–13). Mehr steht nicht da. Es ist eine Frühlingsszene zwischen zwei jungen Leuten und gehört zum Schönsten, was das Alte Testament hat. Ein Hinweis auf Gott fehlt.

Der Christus-Bezug

Als Bild gesprochen: Einer kommt von weit her, bleibt vor der Wand stehen und ruft heraus. So hat die Kirche diese Zeilen seit dem dritten Jahrhundert gelesen, und im Mittelalter predigten Mönche reihenweise darüber. Das Neue Testament zieht die Linie nirgends. Ein Bild also, kein Beweis — und es bleibt schön, auch wenn wir es so nennen.

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Hohelied 2,16Wem gehört wer?SchwachFromme Analogie

Was hier steht

Ein Satz kehrt dreimal wieder, jedes Mal ein wenig anders. In 2,16 sagt sie zuerst, dass er ihr gehört, dann, dass sie ihm gehört. In 6,3 dreht sie die Reihenfolge um. In 7,11 sagt sie nur noch, dass sie ihm gehört — und dass sein Verlangen ihr gilt. Das ist der Kern des Buches: zwei, die einander gehören, freiwillig und beide. Kein Besitz, keine Bedingung, kein Vertrag steht daneben. Der zweite Teil von 7,11 wiegt schwer. Das hebräische Wort dafür steht im ganzen Alten Testament nur dreimal. Zweimal in 1. Mose 3 und 4, dort geht es ums Beherrschen. Hier nicht. Hier verlangt einer nach der anderen, und niemand herrscht.

Der Christus-Bezug

Die Kirche hat in dieser Doppelaussage seit je den Bund wiedererkannt: Gott bindet sich an sein Volk und dieses Volk an ihn (3. Mose 26,12; Jeremia 31,33), und am Ende wohnt er mitten unter Menschen (Offenbarung 21,3). Diese Linie läuft allerdings ohne das Hohelied: Hier reden ein Mann und eine Frau, nicht Gott und sein Volk — dieselbe Form, kein gemeinsamer Weg.

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Hohelied 3,6–11Wie sieht ein Hochzeitstag aus?MittelKanonische Dramaturgie

Was hier steht

Aus der Wüste kommt etwas herauf, in einer Wolke von Weihrauch und Myrrhe (3,6): die Sänfte Salomos, bewacht von sechzig Bewaffneten (3,7–8). Zum Schluss sollen die Töchter Zions den König ansehen: Den Kranz auf seinem Kopf hat ihm seine Mutter aufgesetzt, am Tag seiner Hochzeit (3,11). Das ist nicht die Krone eines Herrschers, sondern der Kranz eines Bräutigams. Der Tag, an dem dieser König am meisten König ist, ist seine Hochzeit. Genau dort bricht das Bild. Zwei Kapitel weiter zählt dasselbe Buch nach: sechzig Königinnen, achtzig Nebenfrauen, dazu ungezählte junge Frauen (6,8). Die Königsbücher nennen siebenhundert Frauen von Rang und dreihundert Nebenfrauen (1. Könige 11,3). Wer die Einzigkeit selbst nicht hält, kann sie nicht abbilden. Die Stelle steht deshalb als offene Erwartung, nicht als Vorausbild.

Der Christus-Bezug

Der Ertrag dieser Verse ist die Lücke: Das Buch ruft zu einem Hochzeitstag und hat keinen König, der ihn ausfüllt. Zitiert wird die Stelle im Neuen Testament nicht. Den Tag kennt es trotzdem: Jesus redet vom Bräutigam, dessen Gäste nicht fasten, solange er da ist (Markus 2,19–20). Am Schluss lädt einer zur Hochzeit des Lammes (Offenbarung 19,7–9).

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Hohelied 4,7–12Wie redet Liebe über den anderen?SchwachFromme Analogie

Was hier steht

Vorher hat der Mann die Frau von Kopf bis Fuß beschrieben, in Bildern aus Landwirtschaft, Handwerk und Krieg: Ziegenherden, gewaschene Schafe, ein Turm mit Schilden (4,1–4). Für heutige Ohren klingt das fremd; gemeint ist jedes Mal ein Lob. Dann fasst er zusammen: Er finde an ihr nichts, was fehlt (4,7). Gleich danach fällt zum ersten Mal das Wort Braut, und es fällt sechsmal hintereinander (4,8–12; 5,1). Er ruft sie fort von den Bergen, wo Löwen und Leoparden leben. Er nennt sie einen verschlossenen Garten und eine versiegelte Quelle (4,12): Sie gehört nicht allen. Dann öffnet sie diesen Garten selbst und lädt ihn ein (4,16). Genommen wird hier nichts; beide geben.

Der Christus-Bezug

Als Ähnlichkeit gelesen: So sieht einer den anderen an, wenn er liebt — nicht blind, sondern zugewandt. Paulus schreibt, Christus wolle seine Gemeinde einmal makellos vor sich hinstellen (Epheser 5,27). Nur stammt sein Wort dafür aus der Opfersprache, und das Hohelied zitiert er dabei nicht. Eine Ähnlichkeit also, kein Beleg — aber eine, die trifft.

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Hohelied 5,2–8Was passiert, wenn die Tür zu spät aufgeht?MittelKanonische Dramaturgie

Was hier steht

Sie schläft, und ihr Herz ist trotzdem wach. Draußen steht er und bittet um Einlass; sein Haar ist nass von der Nacht (5,2). Sie zögert und hat zwei kleine Gründe: Sie liegt schon ausgezogen, und sie hat sich die Füße gewaschen (5,3). Dann greift er durch die Öffnung in der Tür, und ihr Herz schlägt ihm entgegen (5,4). Sie steht auf und öffnet — er ist fort (5,6). Sie sucht ihn, sie ruft, er antwortet nicht. Draußen finden die Wächter sie und schlagen sie; den Schleier nehmen sie ihr weg (5,7). So endet die Szene. Ein Zögern von wenigen Augenblicken, und den Preis zahlt sie allein. Das Buch beschönigt nichts.

Der Christus-Bezug

Hier lässt das Buch eine Frage offen: Hält diese Liebe, wenn einer nicht öffnet? Die Frau findet ihn später wieder (6,1–3), die Frage aber beantwortet niemand. Dort setzt das Neue Testament an: Der Bräutigam, den es kennt, gibt sich hin, bevor jemand aufmacht (Epheser 5,25). Das Hohelied zitiert es dabei nicht; in Offenbarung 3,20 hören manche einen Anklang, sicher ist er nicht.

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Hohelied 8,6–7Hält Liebe wirklich dem Tod stand?MittelKanonische Dramaturgie

Was hier steht

Zum Schluss bittet die Frau um etwas Bleibendes. Er solle sie an sich tragen wie ein Siegel, am Herzen und am Arm (8,6). Ein Siegel war die Unterschrift eines Menschen; wer es trug, trug einen fremden Namen bei sich. Dann folgt der einzige Lehrsatz des Buches. Die Liebe halte dem Tod stand. Ihr Eifer gebe so wenig nach wie das Reich der Toten. Sie brenne wie ein Feuer, das von Gott her kommt (8,6). Hier klingt der Gottesname an, ein einziges Mal im ganzen Buch. Kein Strom schwemmt diese Liebe fort, und kaufen kann sie niemand (8,7). Das Buch behauptet das. Es zeigt keinen, an dem es sich bewiesen hätte.

Der Christus-Bezug

Das Buch stellt eine Behauptung auf und lässt sie offen; das Neue Testament zitiert diese Verse nicht, antwortet aber darauf. Jesus sagt, niemand habe größere Liebe als der, der sein Leben für seine Freunde hingibt (Johannes 15,13). Paulus nennt den Tod zuerst unter dem, was davon trennen könnte (Römer 8,35–39). Wer den Satz eingelöst hat, sagt das Neue Testament — nicht über dieses Buch, sondern über das Kreuz.

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Merkvers

Hohelied 8,6

Den Wortlaut findest du auf bibleserver.com (öffnet in neuem Tab); hier stehen bewusst nur die Stellenangaben.

Zum Weiterdenken

  1. Das Hohelied redet ohne Scham über Sehnsucht und Nähe (2,3–6; 7,7–11). Fällt es dir leichter, darüber zu reden oder darüber zu schweigen — und woran liegt das?
  2. Dreimal steht der Schwur, die Liebe nicht zu früh zu wecken (2,7; 3,5; 8,4). Wo in deinem Leben wäre Warten gerade das Liebevollere?
  3. In Hohelied 5,2–6 geht die Tür zu spät auf. Wo hast du gezögert, als jemand vor deiner Tür stand — ein Mensch oder Gott?