Kolosser
Jesus ist über allem der Höchste.
- Verfasser
- Paulus, im ersten Vers zusammen mit Timotheus genannt; er schreibt als Gefangener (4,3.18).
- Entstehung
- Aus der Haft, überbracht von Tychikus und Onesimus (4,7–9); Onesimus trägt zugleich den Philemonbrief.
- Gattung
- Gemeindebrief mit eingelegtem Christuslied und Anweisungen für das Zusammenleben.
- Kernaussage
- Christus ist nicht ein Teil des Heils, zu dem noch etwas fehlt, sondern das Ganze — und wer ihm gehört, ist voll.
Kolossä war eine kleine Stadt im Lykostal, ein paar Wegstunden von Laodizea und Hierapolis entfernt (4,13). Paulus ist nie dort gewesen. Er schreibt an Leute, die ihn nie gesehen haben (2,1), und er schreibt aus dem Gefängnis (4,3.18). Von Epaphras haben sie das Evangelium gelernt; er stammt aus dem Ort selbst (1,7; 4,12). Der Anlass ist ein Streit. In die Gemeinde ist eine Lehre gekommen, die klug klingt und fromm aussieht: bestimmte Speisen meiden, Festtage einhalten, Engel verehren, den eigenen Körper hart nehmen (2,16.18.21.23). Sie sagt nicht, Christus sei falsch. Sie sagt, Christus sei zu wenig. Paulus antwortet nicht mit einer Gegenliste. Er antwortet mit einer Person. Der Brief hat vier Kapitel. Die ersten beiden halten den Streit aus. Die letzten beiden zeigen das Leben danach: im Umgang miteinander, in der Familie, bei der Arbeit.
Schlüsselstellen
6 von 6 sichtbarKolosser 1,15–17Wer hat die Mächte gemacht?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Nach Gruß und Dank wechselt der Ton. Paulus stimmt etwas an, das wie ein Bekenntnislied klingt. Christus ist das Bild des Gottes, den niemand sieht: Wer wissen will, wie Gott ist, muss ihn ansehen. Dann fällt das Wort Erstgeborener. Gemeint ist kein Geburtstermin, sondern ein Rang — der Erbe, dem alles gehört. Vers 16 begründet es. In ihm ist alles gemacht, droben und hier unten, was vor Augen liegt und was keiner sieht. Dann folgen vier Wörter für Machtstufen, von Thron bis Gewalt. Damit sind die unsichtbaren Wesen benannt, um die in Kolossä gestritten wurde. Paulus führt sie in der Schöpfungsliste. Geschöpfe. Er selbst war vorher da, und alles hält nur zusammen, weil er es hält.
Der Christus-Bezug
Auch andere Bücher sagen, dass alles durch den Sohn geschaffen ist (Johannes 1,3; Hebräer 1,2). Nur Kolosser zählt dabei die unsichtbaren Mächte einzeln auf. Das ist kein Nebensatz, sondern die Front dieses Briefes. In Kolossä wurden Engel verehrt (2,18), und die Grundregeln der Welt sollten mitgelten (2,8). Warum, sagt der Brief nicht. Er sagt nur, woher diese Wesen kommen: Sie stehen in der Schöpfungsliste. Was Verehrung von dir verlangt, verdankt ihm sein Dasein. Deshalb kann es nicht zwischen dich und ihn treten.
Kolosser 1,18–20Wo steht das Ziel schwarz auf weiß?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Die zweite Hälfte des Liedes wechselt vom Weltall zur Gemeinde. Er ist das Haupt eines Leibes, und der Brief sagt sofort dazu, welcher Leib gemeint ist: die Gemeinde. Dann fällt das Wort Erstgeborener ein zweites Mal — jetzt vom Tod her gesehen. Er ist der erste, bei dem der Tod nicht das letzte Wort behielt. Danach steht der Zweck, und er steht unverstellt da: Er soll überall den ersten Platz haben. Vers 19 sagt, wem das gefiel. Gott selbst wollte, dass die ganze Fülle in ihm wohnt. Vers 20 nennt den Weg. Versöhnt wird alles, was oben ist und was unten ist. Frieden entsteht dabei nicht durch ein Machtwort, sondern durch Blut an einem Kreuz.
Der Christus-Bezug
Hier steht der Titel dieses Buches im Text selbst — als Ziel, das Gott verfolgt. Er ist der Erste als der, durch den alles gemacht ist (1,16–17). Und er setzt diesen Platz durch: als der Erste, der aus dem Tod zurückkam (1,18), und am Kreuz (2,15). Philipper 2,9–11 kommt zum höchsten Namen über die Erniedrigung, Hebräer 1,3–4 über die Reinigung von den Sünden. Kolosser nimmt beides zusammen: Schöpfer und Versöhner sind derselbe.
Kolosser 2,8–10Fehlt euch wirklich noch etwas?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Jetzt wird der Gegner benannt. Paulus warnt vor einer Lehre, die sich als Philosophie gibt und in Wahrheit leer ist. Ihre Herkunft: menschliche Überlieferung und die Grundregeln, denen die Welt folgt, ohne zu fragen. Sein Wort dafür ist hart. Diese Lehre beraubt euch. Sie legt nichts drauf, sie nimmt weg. Dagegen setzt er zwei Sätze. Der erste: Gott ist in ihm nicht teilweise zu Hause, sondern vollständig, und zwar in einem Leib aus Fleisch und Blut. Nichts von Gott ist in Zwischenwesen ausgelagert. Der zweite: Bei ihm seid ihr schon vollständig geworden. Die Kolosser sollen nicht mehr bekommen. Sie sollen begreifen, was sie schon haben. Und über allem, was Herrschaft und Macht heißt, ist er der Kopf.
Der Christus-Bezug
Diesen Satz gibt es nur hier: Gottes Fülle wohnt leibhaftig in einem Menschen. Johannes schreibt, das Wort sei Fleisch geworden (Johannes 1,14); Kolosser sagt dazu, dass dieser Leib nichts von Gott ausschließt. Damit ist der Streit entschieden, bevor er beginnt. Wer Christus hat, hat keinen Teil, der Ergänzung braucht. Die Folge steht gleich daneben: Wer voll ist, kann nichts hinzubekommen — nur etwas verlieren.
Kolosser 2,13–15Wie sieht ein Triumph aus, der an einem Kreuz stattfindet?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Erst die Vergebung. Die Kolosser waren tot, sagt der Brief, und Gott hat sie zusammen mit Christus lebendig gemacht und ihnen alles nachgelassen. Dann ein Bild aus dem Geschäftsleben: ein Schuldschein, ausgestellt aus lauter Vorschriften, der gegen uns stand. Gott hat ihn nicht gestundet. Er hat ihn gelöscht, aus dem Weg geräumt und an ein Kreuz genagelt. Im selben Zug kippt das Bild von der Schreibstube auf die Straße. Den Mächten werden die Waffen abgenommen, sie werden öffentlich vorgeführt, und der Sieger führt sie mit. Jeder Leser wusste, wie das aussieht: Ein römischer Feldherr fährt durch die Stadt, hinter ihm laufen die Besiegten. Nur steht dieser Wagen nicht auf dem Marktplatz. Der Ort dieses Triumphs ist eine Hinrichtung vor der Stadt.
Der Christus-Bezug
Ohne diesen Abschnitt wäre der Titel nur eine Aussage über Rangordnung. Mit ihm ist er eine Nachricht vom Kampfplatz. Der erste Platz wird hier nicht neu vergeben, sondern öffentlich durchgesetzt — und der Ort dafür ist ein Kreuz. Andere Bücher sagen es mit anderen Bildern (Hebräer 2,14–15; 1. Johannes 3,8). Der Siegeszug ist die Eigenart dieses Briefes.
Kolosser 2,16–19Schatten oder Sache?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Nun wird es sehr praktisch. Es geht um Essen und Trinken, um Feiertage, um den Neumond, um den Sabbat. Paulus stellt kein Gegen-Gesetz auf. Er ordnet zu. Das alles wirft einen Schatten voraus; was den Schatten wirft, gehört Christus. Ein Schatten ist nicht nichts. Er beweist, dass etwas da ist. Aber wer ihn festhält, hält nichts in der Hand. Dann die zweite Front, Vers 18: Jemand tritt betont demütig auf, verehrt Engel und redet groß über Dinge, die er nie gesehen hat — und bläht sich dabei auf. Vers 19 nennt den eigentlichen Schaden. Dieser Mensch hält nicht am Haupt fest. Ein Leib aber wächst nur, solange er mit dem Kopf verbunden bleibt. Nicht die Regeln sind das Schlimmste. Das Schlimmste ist die Trennung.
Der Christus-Bezug
Hier deutet das Neue Testament selbst: Was die alten Ordnungen vorauswarfen, ist in Christus da — er ist der Leib, der den Schatten wirft. Darum dürfen wir Israels Ordnungen überhaupt als Vorausbild lesen; der Hebräerbrief arbeitet nach demselben Muster (Hebräer 8,5). Nur verteilt Kolosser die einzelnen Feste nicht auf einzelne Züge Christi. Der Brief sagt, wem das gehört, was den Schatten wirft, und dabei bleibt er. Weiter zu gehen hieße mehr behaupten, als hier steht.
Kolosser 3,1–11Wenn er oben ist, wo bist dann du?Sehr starkDirektes Zeugnis
Was hier steht
Kapitel 3 zieht die Folge — und zwar nicht die erwartete. Nach zwei Kapiteln gegen Askese kommt keine neue Regelliste, sondern eine Richtung. Weil ihr mit Christus auferweckt seid, sucht das Obere, dort, wo er an Gottes rechter Seite sitzt. Dann ein Satz, der viel erklärt. Vers 3 sagt: Was jetzt von euch zu sehen ist, ist nicht alles. Das eigentliche Leben ist bei Christus aufgehoben, außer Sichtweite. Sichtbar wird es, wenn er sichtbar wird. Erst danach wird Paulus konkret, und dann sehr: Gier, Wutausbrüche und schmutzige Worte sollen weg. Das Bild dafür ist nicht Kasteiung, sondern ein Kleiderwechsel. Alte Sachen aus, neue an. Und in der neuen Kleidung zählt kein Vorsprung mehr — Vers 11 nennt am Ende sogar den Skythen.
Der Christus-Bezug
Vers 11 zieht die Hoheit bis auf den Fußboden der Gemeinde. Der Skythe galt als der roheste Fremde überhaupt. Der Vers endet nicht damit, dass alle gleich seien, sondern mit einem Namen. Christus ist am Ende dieser Reihe das Einzige, was zählt, und er ist in jedem von ihnen. Galater 3,28 sagt Ähnliches, nennt die Barbaren aber nicht. Wer über allem der Höchste ist, duldet unter sich keine zweite Reihe.
Merkvers
Kolosser 1,18
Den Wortlaut findest du auf bibleserver.com (öffnet in neuem Tab); hier stehen bewusst nur die Stellenangaben.
Zum Weiterdenken
- Die Kolosser sollten Christus etwas hinzufügen. Was ist bei dir das „Christus und …“? Nenn es beim Namen.
- Kolosser 3,11 stellt Barbaren und Skythen neben alle anderen. Wen zählt unsere Gemeinde stillschweigend in die zweite Reihe?
- Kolosser 2,15 sagt, dass der Sieg an einem Kreuz sichtbar wurde und nicht auf einem Marktplatz. Was ändert das an dem, wovor du dich gerade fürchtest?